Das Leben als Autorin | in Progress

Ein halbes Leben später …

14. Januar 2018

Vor kurzem habe ich einen Ordner voller alter (höchst peinlicher) Fotos, Notizen, Momenten und zahlreichen aufgeschriebenen Träumen gefunden, den ich im Spätsommer 1999 angelegt habe. Eine Mischung aus Tagebuch und Lebensplaner. Abgesehen davon, dass die Klamotten Ende der 90er wirklich eine Sache für sich waren und ich unglaublich jung, unverbraucht und optimistisch (trotz mieser Frisur) in die Zukunft geblickt habe, hat mich vor allem eine andere Tatsache sehr überrascht:

Dieses Buch wird dieses Jahr 19 Jahre alt.

Ich werde nächsten Monat 38 Jahre alt.

Dinge, die ich damals aufgeschrieben habe, liegen genau ein halbes Leben zurück.
Damals, frisch nach dem Abitur, habe ich angefangen bei einem lokalen Fernsehsender zu arbeiten. Ich habe einen Kurs im analogen Schneiden von Filmen gemacht, Dokumentionen gedrehte, als Requisite bei einem 35mm Film gejobbt,  der auf Filmfestspielen in den USA und in Asien Preise eingeheimst hat und mein ganz persönliches Dream Team kennengelernt.

Gemeinsam haben wir 2000 unseren ersten 60-Minüter ‚Meine Helden‚ (für den ich das Drehbuch geschrieben habe) gedreht, der uns im selben Jahr den Förderpreis der Landeszentrale privater Rundfunkveranstalter in der Kategorie „Fiktion“ eingebracht und uns angespornt hat, im nächsten Jahr, unseren zweiten Film zu drehen.
Da war ich gerade 20 Jahre alt.

Kurz darauf habe ich angefangen für die ARD Serie ‚Fabrixx‚ als Continuity und später als Drehbuchautorin zu arbeiten. Der große Traum, einmal fürs Fernsehen zu drehen hat sich erfüllt – ich war gerade mal 21 Jahre alt.

Mit 25 habe ich die Option für meine Abschlussarbeit an der Drehbuchschule an eine Produktionsfirma verkauft – auch wenn der Film bisher nicht gedreht wurde – was ich damals als perfekten Abschluss eines atemberaubenden Studiums angesehen habe – dem ich auch heute noch so viel zu verdanken habe.

Mit 26, über fünfzehn Drehbücher später, habe ich der Filmbranche den Rücken gekehrt und als stellvertretende Chefredakteurin für ein Schweizer Lifestylemagazin gearbeitet, monatliche Kolumnen und Artikel im Stile von Carrie Bradshaw (meiner damaligen Heldin) geschrieben, bevor ich mich mit bereits 28 für ein weiteres Studium der Literaturwissenschaft eingeschrieben habe.

Ein Studium, das ich zwei Jahre später nur noch als Teilzeitstudentin fortführen konnte, weil ich als Redakteurin für einen Mediendienstleister gearbeitet habe.

Ein Job, den ich drei Jahre später auf halbtags reduzieren musste, da mein erster Verlagsroman ‚Lieblingsmomente‚ nach einer Fortsetzung verlangte.

Mit 36 habe ich den Job gekündigt, weil ich Schriftstellerin wurde.

Jetzt werde ich 38 und finde ein Buch, in dem mein altershalbiertes-Ich Dinge aufgeschrieben hat wie:

„Eines Tages am Film-Set arbeiten.“

„Ein Drehbuch schreiben.“

„Eine Kolumne in einer Zeitschrift haben.“

„Einen Roman veröffentlich.“

„Glücklich sein.“

 

Ein halbes Leben später, blicke ich also zurück und stelle fest, dass man wohl noch immer über meinen Klamottengeschmack streiten kann und ja, einige Falten um die Augen kamen hinzu, aber die Begeisterung und der optimistische Blick in die Zukunft, die sind geblieben. Vermutlich, weil ich das tun darf, was ich liebe und mir nie habe sagen lassen, dass es nicht geht. Ist der eine Weg versperrt, sucht man einen anderen.

Die Filmakademie Ludwigsburg hat mich 2x nicht zum Studiengang Drehbuch zugelassen.
Die Filmhochschule in Berlin hat mich ebenfalls 2x abgelehnt.
Die Universität Mainz hat mich nicht zum Studiengang „Filmwissenschaften“ zugelassen.
Zahlreiche Verlage haben meine Manuskripte ungelesen zurückgeschickt (für einen davon schreibe ich gerade meinen vierten Roman …)
Literaturagenturen haben meine Unterlagen ungelesen zurückgeschickt.
Beim VIVA Casting teilte man mir mit, dass ich für eine Karriere vor der Kamera ungeeignet sei.

Guess what? Ich habe andere Wege gesucht, gefunden und bin sie mit eiserner Entschlossenheit gegangen. Absagen haben mich weder davon abgehalten Filme zu drehen, Drehbücher zu schreiben oder Romane zu veröffentlichen.

Tatsächlich habe ich mein halbes Leben mit dem Schreiben verbracht und nicht die geringste Absicht, daran etwas zu ändern.

Wenn euch also jemand erzählt, das wäre ’nicht möglich‘ oder man wäre nicht ‚gut genug‘, dann sucht euch einen anderen Weg. Einen, der besser zu euch passt.

 

 

It might be a slow process, but quitting does not speed it up.

 

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