Das Leben als Autorin | in Progress

Vom Abschied und Neuanfang

1. März 2017

Manchmal verliebt man sich in Figuren, Romanideen oder das Genre Hals über Kopf. Dann hat man nur noch Augen für diese eine vermeintlich große Liebe. Alles andere rückt aus dem Fokus.
Das passiert uns im Alltag – und mir als Schriftstellerin.
Doch wie im echten Leben, verliebt man sich manchmal eben auch in die Falschen. So wie damals in der Mittelstufe, als man der festen Überzeugung war, dass dieser eine Junge mit dem störrischen Blick, der Kippe im Mundwinkel und dem Hang zu wilden Partys der einzig wahre Seelenverwandte sein kann – nur um dann auf der nächsten Abi-Party zu merken, dass er leider die totale Fehlbesetzung für das Herzblatt wäre.

So ist es manchmal auch mit Buchideen. Im Kopf klingt alles ganz wundervoll. Die Figuren nehmen Form an, Geschichten entstehen, Kapitelüberschriften überfallen uns nachts im Schlaf. Ganz aufgeregt stürzt man sich in die Recherche, das Adrenalin treibt einen an noch schneller zu schreiben. Wochen- und monatelang verliebt man sich immer mehr in die Geschichte im Kopf und schiebt alles andere zur Seite, als wären Ideen, die schon länger im kreativen Herzen leben, nur noch Stiefgeschwister, die sicher noch ein weiteres Herbstprogramm warten können.

Wenn man frisch verliebt ist, vernachlässigt man selbst gute Freunde manchmal – das kennen wir doch alle.  Die engen Freunde warten geduldig, während Bekannte und Kumpel ihre eigenen Wege gehen, bis man sich aus den Augen verliert und sich nur noch von der anderen Straßenseite aus zunickt.

Ich kann von Glück sagen, dass diese eine, besondere Romanidee seit nun über zehn Jahren auf mich wartet. Obwohl ich sie immer und immer wieder vertröstet habe. Ständig hieß es: ‚Du bist als nächstes dran, versprochen!‘
Und dann kam doch immer etwas anderes dazwischen. Manche Ideen werden ungeduldig, suchen sich andere kreative Köpfe, die sie befallen und darauf warten, aufgeschrieben zu werden. Ich kann es ihnen nicht mal verübeln.

Schlimm ist es nur, wenn man sich in die falsche Idee verliebt. Wenn es nach der Verliebtheit und den Schmetterlingen zum Absturz kommt. Wenn alles nicht mehr so rosig aussieht und der Alltag einzieht. Dann fragt man sich schnell: Ist das noch die richtige Richtung?

Egal, wie lange man es sich schön redet, irgendwann sickert die Realität durch und man muss sich eingestehen, dass es nicht mehr funktioniert. Dann muss man, auch als Schriftsteller, seinen ganzen Mut zusammennehmen und Abschied nehmen:

Liebe Buchidee, es liegt nicht an dir, sondern an mir.
Ich lasse dich los, hoffe, du beglückst einen anderen Kollegen, der dich mit offenen Armen empfängt, sich mit dir, deinen Figuren und deinem Genre wohl fühlt.
Ich bin in dieser Beziehung nicht mehr glücklich. Danke für die Lektion.
Adieu, Tschüss, Bye bye!

 

Seitdem ich das getan habe, fühle ich mich wie befreit! Die Freude kehrt zurück, die Liebe zum Schreiben, die Kreativität, sogar die eigene Schreibstimme ist wieder da!
Auch wenn sich wie ein Neuanfang anfühlt.
Zurück auf Null, alles von vorne.
Ich kann von Glück reden, dass diese alte Idee, die ich so lange habe warten lassen, noch immer da ist. Vielleicht, weil sie weiß, dass wir zusammengehören?
Abseits aller Bestsellerlisten, Verkaufszahlen und 5-Sterne-Rezensionen.
Hoffentlich auch, weil sie davon überzeugt ist, nur ich könne sie so erzählen, wie sie es sich wünscht. Egal, was die Zukunft für uns beide bereithält, ich bin für jede Schandtat bereit!

Es ist diese besondere Geschichte, die ich endlich erzählen darf, obwohl sie zu leise ist, um bei all den lauten, großen und bunten Geschichten gehört zu werden.
Sie ist es trotzdem wert.
Weil sie leise ist.
Weil sie wartet.
Weil sie meine Geschichte ist.
Diesmal nehme ich mir die Zeit und höre auf mein Herz.

Liebe Buchidee,
verzeih, dass ich so lange gebraucht habe.
Ich tanke den Fiesta auf und warte an der Bushaltestelle um Mitternacht.
Ich hoffe, du kommst mit auf diese Reise.

Gezeichnet,

deine Schriftstellerin.

 

 

 

 

 

Sharing is caring!